Zusammenrücken in einer verrückten Zeit

Wie die Corona-Krise zu einer Blaupause für zukünftige Zusammenarbeit werden kann.

article | 23.04.2020

Die COVID-19 Krise ist eine noch nie dagewesene Situation für uns. Sie traf uns völlig unerwartet. Uns fehlen Blaupausen, auf die wir zurückgreifen können. Entscheidungen müssen unter großer Unsicherheit getroffen werden, weil die Auswirkungen der Krise vielschichtig und komplex sind. Eine Entscheidung für den einen richtigen Weg ist daher kaum möglich. Wir wissen nur, dass wir uns für die nächsten Monate auf ein neues Leben in Wirtschaft und Gesellschaft einstellen müssen. The New Normal. Das stellt auch viele Familien- und mittelständische Unternehmen als Rückgrat der deutschen Wirtschaft vor eine große Herausforderung.

Die Corona-Pandemie bricht bestehende Gewohnheiten und Routinen auf – darin liegt auch eine große Chance

Doch so herausfordernd die aktuelle Lage auch ist – man sieht auch, dass sie uns umdenken und mutiger handeln lässt, uns neue Perspektiven schenkt. Alteingebrachte Verhaltensmuster geraten aufgrund der radikalen Veränderung unserer Umwelt ins Wanken. Vor Corona haben wir uns zuletzt schwer damit getan, große kollektive Herausforderungen wie die Digitalisierung oder drängendste Probleme wie den globalen Klimawandel mit vereinter Kraft anzugehen. Nun aber, so scheint es, könnte Corona für uns einen „Teachable Moment“ darstellen – ein unerwarteter Moment, in dem wir neues kollektives Verhalten besonders schnell und leicht erlernen können. Offenheit, Vernetzung und Agilität sind die Gebote der Stunde, die sich auf verschiedenen Ebenen manifestieren und uns auch für andere Herausforderungen als Blaupause dienen können:

Wir verfolgen die gleiche Vision und machen gemeinsame Sache. Mit dem Virus haben wir einen gemeinsamen Feind, der uns alle betrifft und uns eint ein Ziel: die Ausbremsung der Ausbreitung sowie die Bekämpfung des Virus und die Rückkehr in die Normalität, um soziale und wirtschaftliche Spätfolgen so gut es geht abzumildern. Gemeinsam verfolgen wir fokussiert eine Agenda. Das mobilisiert Zusammenarbeit und Kooperation.

Wir gestalten kontinuierliche und offene Lernprozesse. Egal ob Bundesregierung, Unternehmen oder Expert*innen: niemand verkündet ex cathedra die Wahrheit oder behauptet, den einen goldenen Weg zu kennen. Vielmehr gestehen wir uns offene Lernprozesse ein, teilen diese und beschleunigen so kollektives Wissen. Dadurch schaffen wir Klarheit und reduzieren das Risiko, in einem immer noch volatilen Kontext die falschen Weichen zu stellen.

Wir holen uns unterschiedliche Expertisen ein. Statt auf das eigene Gefühl, Ego oder den Lautesten zu hören, bauen wir auf das Wissen von Expert*innen und die gemachten Erfahrungen Betroffener auf. Wir schenken ihnen ein offenes Ohr und tauschen uns mit Regionen aus, die früher betroffen waren als wir. Es sind diese Erfahrungen aus erster Hand, die uns zeigen, was gut funktionieren könnte und was nicht. Es ist das beste Wissen, das wir haben.

Wir bündeln unsere Kräfte. Unternehmen helfen sich gegenseitig aus und arbeiten zusammen für die Produktion von knappem medizinischem Material. Initiativen wie “Wir vs. Virus” unter der Schirmherrschaft des Kanzleramtschef Helge Braun und initiiert von Organisationen wie 4Germany oder ProjectTogether aktivieren über 50.000 Personen. Fähigkeiten, Wissen, Infrastrukturen und Ressourcen werden auf einmal alle gebündelt. Wir kämpfen gemeinsam, statt jeder alleine.

Wir sind mutig, fahren aber auf Sicht. Wir treffen mutige, teils unangenehme Entscheidungen. Einen Masterplan, der 100% Sicherheit verspricht, gibt es nicht. Wir lernen durch das praktische Umsetzen. Wir versuchen den Erfolg gewählter Maßnahmen messbar zu machen und teilen die praktischen Erfahrungen. Dabei machen wir kleine Schritte, wir fahren auf Sicht und passen den Kurs lieber konsequent an, als nichts zu machen.

Wir bleiben lebendig und innovativ. In vielen Bereichen ist unser Leben zum Stillstand gekommen. Umsätze von Unternehmen sind eingebrochen. Unternehmen reagieren entsprechend und passen ihre Prozesse, Abläufe oder gar Geschäftsmodelle und Vertriebskanäle fast über Nacht an. Die Situation ist für viele dramatisch und Umsatzrückgänge sind damit in den meisten Fällen zwar nicht zu kompensieren, aber es verdeutlicht die schöpferische Kraft, die in uns steckt.

In der Einheit in Vielfalt liegt unsere Kraft – und die des Mittelstands

All das zeigt uns, dass wir den Mut und die Kraft aller brauchen, um die drängendsten Probleme unserer Zeit zu lösen. Wir sehen, dass in der Einheit in Vielfalt der Schlüssel liegen könnte. Weil wir unsere unterschiedlichen Erfahrungen, unser unterschiedliches Wissen bündeln und zum Gemeinwohl aller einsetzen können. Genau das zeigen viele Familien- und Mittelstandsunternehmen im Moment. Als Rückgrat der deutschen Wirtschaft und wichtigster Jobmotor Deutschlands könnten sie zum Treiber von Innovation und Taktgeber einer neuen Ära – post Corona – werden. Die letzten Wochen stimmen mich dabei zuversichtlich und haben mich sehr beeindruckt. Mit dem Maschinenraum, als geteilte Innovationsplattform für den deutschen Mittelstand, erlebe ich täglich aus erster Hand, wie Familien- und Mittelstandsunternehmen sich gegenseitig unterstützen und in den Dienst der Gesellschaft stellen: Melitta stellt millionenfach Schutzmasken anstatt Kaffeefilter her. Viessmann nutzt sein Know-How, um modulare Intensivstationen zu produzieren. Mast Jägermeister lässt Alkohol für Desinfektionsmittel statt Kräuterlikör brennen und die Firma Schauer stellt neben Kunststoffteile für Autos nun auch Schutzbrillen her. Und das sind nur einige Beispiele, die u. a. auch zeigen, wie wichtig der Mittelstand für Deutschland ist. Gleichzeitig sehen wir im Maschinenraum aber auch, wie wichtig der Austausch und wie groß die Unsicherheit ist. Auf Fragen wie “Welche Technologien oder Formate helfen bei der digitalen Mitarbeiterkommunikation?”, “Wie organisiere ich Remote Work ganz praktisch?” oder “Welche Hypothesen gibt es für die Zeit nach Corona und was sind mögliche Chancen?” lässt sich keine einfache Antwort finden. In Videokonferenzen und virtuellen Workshops mit unterschiedlichen Mittelstandsunternehmen merken wir, dass es gemeinsam, im Kollektiv, leichter fällt, Antworten zu finden.

Wir sollten die Zeit nach Corona als Chance sehen, unseren Autopiloten umzuprogrammieren

Als Gesellschaft konnten wir in den letzten Wochen viel lernen. Den Wert dessen, was wir haben und wie leicht es ist, all das zu verlieren. Wir haben aber auch gelernt, dass wir uns mit Mut, Solidarität und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ein neues Verhalten antrainieren und so unseren Autopiloten umprogrammieren können. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir leben auf einem Planeten. Wir haben alle mehr oder weniger dieselben Probleme. Das dürfen wir nach Corona nicht vergessen.

Denn auch wenn man aus vielen Ecken hört, dass die Welt nach Corona eine andere sein wird, bin ich mir nicht ganz sicher, wie schnell wir als Gesellschaft nicht doch wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Deswegen hoffe ich, dass manche Denk- und Verhaltensmuster diese verrückte Zeit überstehen und in das globale kollektive Gedächtnis eingehen.

Ich hoffe, dass wir es schaffen, das neue Verhaltensrepertoire auch auf andere komplexe Herausforderungen wie die Digitalisierung oder globale Probleme wie den Klimawandel anzuwenden. Vor allem aber hoffe ich, dass der Mittelstand – als Rückgrat der deutschen Wirtschaft – Taktgeber dieses Wandels sein und ihn proaktiv gestalten wird. Und sich einmal mehr in den Dienst der Gesellschaft stellt.

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